Von Christel Neudeck

Troisdorf, 30. Mai 2026

Liebe Freunde, liebe Teilnehmer dieser Gedenkveranstaltung für Rupert!

Ich freue mich besonders, dass heute auch viele junge Menschen hier sind, denn Ihr müsst ja unsere Arbeit fortsetzen, wenn wir zu alt sind oder gar nicht mehr sind. Rupert hat immer gesagt: Man muss etwas tun – nur reden reicht nicht. Und so ist es. Schöne Reden sind schön, aber ohne Umsetzung in die Tat machen sie wenig Sinn.

Wer war Rupert Neudeck? Da ich als seine Frau ihn schlecht hier selbst loben kann – zumal ich sehr genau weiß, wie anstrengend er auch sein konnte – lasse ich Wolfgang Thierse hier und heute sprechen, den ehemaligen Bundestagspräsidenten, der Rupert länger kannte als ich und mit ihm befreundet war. Seit 1969 trafen sich die Kath. Studentengemeinde Münster mit der in Ostberlin, bis zur Wende war das nur in Ostberlin möglich.

Wolfgang Thierse sagt über Rupert: „Es ist die Erinnerung an einen Menschen, der sein Leben mit dem Blick auf andere gelebt hat, auf die Opfer von Kriegen und Gewalt, auf Flüchtlinge und Vertriebene. Ihnen galt sein leidenschaftliches Engagement, für sie organisierte er Hilfe, für sie gewann er Unterstützer und Unterstützung, moralisch und finanziell und vor allem praktisch vor Ort. Rupert war im großen Sinne ein Moralist der Tat: mutig und ungeduldig, zäh und intelligent zugleich. Es ist gut, sich seines Beispiels radikaler Humanität zu erinnern und sein Vorbild als Ermutigung für engagierte Menschlichkeit heute und morgen zu begreifen.

Ich möchte hinzufügen, dass Rupert und mir und unseren Mitstreitern immer bewusst war und ist, dass wir aus einer sicheren Position heraus handeln können; dass die, denen wir versuchen zu helfen, unverschuldet in großes Elend gekommen sind und dass es viel einfacher ist zu helfen als um Hilfe zu bitten.

Hier an der Burg Wissem in Troisdorf haben „unsere Vietnamesen“ darauf bestanden, ihm ein Denkmal zu errichten. Darauf steht: Weder furchtsam noch tollkühn, das Motto seiner Heimatstadt Danzig. Ich wüsste nicht, was besser zu Rupert passen könnte. Es könnte das Motto auch unseres Lebens sein oder werden.

Als wir noch nicht lange verheiratet waren, träumte er laut: Die Möglichkeit ist immer größer als die Wirklichkeit (Max Horkheimer). Ich war erschrocken unddachte, ich hätte vielleicht einen Spinner geheiratet. Aber später habe ich gelernt, wie richtig dieser Satz ist. Er stimmt – ich hatte einen klugen und weitsichtigen Menschen geheiratet, auch wenn mir die Dimension seiner Ideen damals noch nicht bewusst war.

Im Februar1979 fuhr er nach Paris, um Jean Paul Sartre zu interviewen. Er hatte über ihn und Albert Camus promoviert, der Titel:  Die politische Ethik bei Sartre und Camus. Sartre war ein international bekannter Philosoph. Als Rupert zurückkam, berichtete er von einem französischen Komitee, das ein Schiff mieten wollte, um die sog. Boatpeople im Südchinesischen Meer zu retten. Sie baten Rupert, in Deutschland Geld für diese Aktion zu sammeln. Er schrieb noch im Zug Heinrich Böll. Dieser rief zwei Tage später im Deutschlandfunk an, ermutigte ihn und sagte ihm seine Unterstützung zu. Das war die Geburtsstunde des Komitees Cap Anamur.

Wenig später gab Franz Alt ihm in Report Baden-Baden die Möglichkeit über die Bootsflüchtlinge im Südchinesischen Meer zu sprechen und innerhalb einer Woche bekamen wir 1.3 Mio. D-Mark Spenden. Wir wussten, dass dies der Auftrag war, ein eigenes Schiff zu chartern. Das Ergebnis dieser Geschichte ist heute hier zu sehen. Wir wussten viel über Vietnam, aber wenig über die wunderbaren Menschen aus Vietnam, die heute unter uns leben. Wir konnten nicht alle retten; aber doch von 1979 bis 1987  11.300 Flüchtlinge, die in 226 Booten unterwegs waren und häufig mit ihrem Leben abgeschlossen hatten. Für diese Arbeit spendeten unsere Unterstützer 22 Mio. D-Mark. Ist das nicht ein Wunder? Bis heute können die Vereine Cap Anamur und Grünhelme alle Projekte aus Spendengeldern finanzieren. Das erfüllt uns mit großer Dankbarkeit.

Rupert war ein Workaholic; arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Redakteur im Deutschlandfunk und hatte gleichzeitig einen ehrenamtlichen Vollzeitjob als Humanitärer. Er war ein glücklicher Mensch, denn er konnte genau das tun, was ihn begeisterte. Und wissen Sie, was ich an ihm sehr geliebt habe? Er war nicht korrumpierbar. Er ließ sich nie um irgendeines Vorteils willen von seinen Überzeugungen abbringen.

Und er war sehr gläubig. Sein Glaube machte ihn stark. Als er in Afghanistan gefragt wurde, ob die Menschen in Europa noch glauben würden, antwortete er: Wir glauben alle an einen Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat. Das war seine echte Überzeugung und deshalb standen ihm dort die Türen offen.

In der Bibel gibt es die Geschichte von dem Gelähmten am Teich Betesda, der sich bei Jesus beklagt, weil er das heilende Wasser nicht erreichen kann und ihm niemand hilft. Jesus sagt: Steh auf und geh. Hierzu gibt es ein Gedicht von Bert Brecht, das ich vortragen möchte, weil es uns Mut machen und bewegen kann, unnötige Ängste abzulegen. Das „Ja, aber“ nicht zu akzeptieren, wenn wir etwas Mögliches tun möchten.

Brecht kannte dieses Gleichnis, denn als er gefragt wurde, welches Buch seine Lieblingslektüre sei, antwortete er: „Sie werden lachen, die Bibel.“

Sieben Jahre wollt kein Schritt mir glücken

Als ich zu dem großen Arzte kam.
Fragte der: Wozu die Krücken?

Und ich sagte: Ich bin lahm.

Sagte er: Das ist kein Wunder.

Sei so freundlich zu probieren.

Was Dich lähmt, ist dieser Plunder,

geh, fall, kriech auf allen Vieren!

Lachend wie ein Ungeheuer

nahm er mir die schönen Krücken,

brach sie durch auf meinem Rücken,

warf sie lachend in das Feuer.

Nun, ich bin kuriert: Ich gehe.

Mich kurierte ein Gelächter.

Nur zuweilen, wenn ich Hölzer sehe,

gehe ich für Stunden etwas schlechter.

Als Rupert 2016 gestorben war und wir uns in der Kirche St. Aposteln in Köln von ihm verabschiedeten, sprach Navid Kermani, von dem ich alle hier grüßen soll, u.a.: „Gott lastet keiner Seele mehr auf als sie tragen kann, heißt es im Koran. Und doch kann dieser Vers nur wahr sein, weil Einzelne mehr tragen als wir. Es gibt zu viel Leid auf der Welt. Unsere Zivilisation würde zugrunde gehen, wenn jeder von uns nur seinen eigenen Anteil an der Barmherzigkeit trägt. Es gibt zu allen Zeiten einzelne Menschen, die alles geben. Früher nannte man solche Menschen Heilige und wo immer über sie geschrieben wurde in der Geschichte der Religionen, fiel auf, dass sie etwas Kindliches ausstrahlen, dass sie ein bisschen wie Kinder sind. Ich glaube, es kommt daher, dass sie sich einen Impuls bewahren, den jeder von uns kennt, dem jeder oft nachgibt, oft aber auch nicht: dem Impuls, dem die Hand zu reichen, der unserer Hilfe bedarf. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen, heißt es im Neuen Testament.“

Für uns war Rupert kein Heiliger; aber er konnte sich nicht distanzieren von dem Leid in dieser Welt. Dazu möchte ich Euch eine Geschichte erzählen.

Der große jüdische Philosoph Martin Buber hat gesagt: „Erfolg ist kein Name Gottes.“ Heute ist Cap Anamur eine Erfolgsgeschichte. Aber natürlich gab es auch Widerstände, es gab Gefahren und Verzweiflung.  2013 wurden drei unserer Mitarbeiter in Syrien entführt. Nach drei Monaten hatten alle Drei sich selbst befreien können. Das war eine solche bleierne Zeit, für uns und natürlich vor allem für die Entführten. 2015 bekam Navid Kermani den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Er sprach so eindringlich über einen  entführten Jesuiten, der übrigens nie wieder aufgetaucht ist. Rupert hörte die Rede vor dem Fernseher und weinte. Seine 9-jährige Enkelin Nola sah ihren Großvater zum ersten Mal weinen und fragte mich leise: Warum weint Rupert? Ich erklärte ihr, dass sie doch für unsere Mitarbeiter während der Entführung gebetet hatte. Ich dachte damals: Gott, wenn Du die Bitten dieses Kindes nicht hörst, wo bist Du dann?? Rupert wisse sehr genau, worüber Navid spreche. Und sie verstand ihn.

Mein Traum ist, dass Deutschland einmal ein multikulturelles Land wird, in dem Martin Luther Kings Traum wahr wird, den er am 28. August 1963 in Washington formulierte: „Ich wünsche mir, dass meine vier kleinen Kinder in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.“ Wir können aus unterschiedlichen Kulturen kommen, die wir pflegen sollen. Wir hier in Deutschland haben ein einmalig gutes Grundgesetz, in dem u.a. steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wenn wir das beherzigen, können wir zusammen leben und etwas tun!

Vielleicht geht auch heute von hier, von uns ein Impuls aus, der Menschen in großer Not helfen kann, denn: Die Möglichkeit ist immer größer als die Wirklichkeit.

PS: Nach dieser Veranstaltung haben wir darüber nachgedacht, woran es liegen kann, dass Rupert nach zehn Jahren immer noch so präsent ist.

Wie oft haben mir ehemalige Boatpeople berichtet, wie sie, ihre Eltern oder Großeltern in letzter Minute von der Cap Anamur gerettet wurden. In Vietnam gehört es zur Kultur, die Eltern zu ehren und das auf die Kinder zu übertragen. Da ihnen mit der Rettung ein neues Leben geschenkt wurde, empfinden sie Rupert als ihren Vater. Obwohl viele Menschen bei dieser Aktion mitgewirkt haben, war vielleicht tatsächlich Rupert der einzige, der die Courage hatte, 1979 den Chartervertrag zu unterschreiben ohne jede Garantie auf Erfolg,

Oft werde ich gefragt, was Rupert zu der derzeitigen politischen Situation sagen würde? Er war jemand, der seine Überzeugungen aussprach, egal ob er dafür geliebt oder gehasst wurde.

Vielleicht brauchen wir alle aber einfach auch nur Vorbilder.