Ein Erfahrungsbericht über einen handwerklichen Einsatz im Dorf Kalanga, den Baustellenalltag in einer ländlichen Region Malawis und Begegnungen, die weit über die Zeit vor Ort hinaus wirken – getragen von gemeinsamer Verantwortung.

Von Marco Aberle
Bonn, 22.01.2026 – Ende der 90er in einem kleinen Schwarzwälder Örtchen geboren, in einem katholisch zupackenden und handwerklich geprägten dörflichen Umfeld groß geworden, waren meine Jugend und die ersten Jahre der 20er geprägt von ehrenamtlicher Vereinsarbeit und einem typischen Dorfkind-Lifestyle. Und ich muss sagen: Ich liebe es heute noch.
Doch trotz oder gerade wegen der schönen Jugendzeit im Gutachtal entstand irgendwann der Wunsch etwas zurückzugeben. Ich wollte die Fähigkeiten, die ich mir im Laufe der Jahre, mit Ausbildung, Arbeit sowie diversen privaten Basteleien erworben hatte, so einsetzen, dass andere, wirklich bedürftige Menschen auch etwas davon haben. Nach Einsätzen im Ahrtal nach der Flut reifte in mir der Wunsch, mit einer Hilfsorganisation in einen handwerklichen Einsatz zu gehen.
So begann sich also der Schwarzwälder Wurzelsepp Marco, der die heimischen Gefilde bisher noch nicht groß verlassen hatte, über Hilfsorganisationen zu informieren, die im speziellen Baufachleute bzw. Bauhandwerker und Bauhandwerkerinnen suchen und unter anderem in Afrika tätig sind. Nach einiger Recherche stieß ich zufällig auf die Grünhelme. Ganz entgegen dem Schwarzwälder Prinzip sich „erschdmol z’bsinne“ (erstmal lange und gut drüber nachdenken), habe ich mich gleich über die Homepage beworben (könnt ihr im Übrigen auch machenà Bewerbungsformular findet ihr unter dem Reiter „Mitarbeiten“ auf der Grünhelme Homepage) Dann ging alles relativ schnell. Ich wurde zu einem Bewerbertreffen nach Gütersloh eingeladen und war mir nach besagtem Wochenende sicher, dass die Grünhelme genau jene Organisation sind, die ich gesucht hatte.
So kam es, dass ich Anfang Juni vergangenen Jahres in den Einsatz nach Malawi im Osten Afrikas ging. Für das Dorfkind ein riesiger Schritt.
Gemeinsam mit meinem zukünftigen Kompagnon Severin flog ich von Frankfurt über Addis Abeba nach Blantyre im Süden von Malawi. Die Landung in Blantyre war für mich ein Schritt in eine ganz andere Welt. Die Flughäfen von Frankfurt und Addis Abeba noch im Kopf, landeten wir am Chileka Airport 13 km nordwestlich von Blantyre, welcher eigentlich nur aus einem großen Gebäude sowie zwei Start- und Landebahnen bestand.
Auch die Anreise ins Projekt stellte sich als spannend dar. Gemeinsam mit Projektleiter Lennart, welcher uns am Flughafen abgeholt hatte, ging es los. Zuerst auf dem Highway in westlicher Richtung in die Stadt Mwanza und von dort an der Grenze zu Mosambik entlang nach Süden in das Dorf Kalanga, in dem momentan eine Secondary School entsteht. Die Bildungssituation stellt sich in Malawi speziell in den ländlichen Regionen mehr als prekär dar. So gibt es in der „Nähe“ Kalangas, in Thambani, zwar bereits eine Secondary School, aber jene ist mit einer Kapazität von 90 neuen Schülern pro Jahr nicht mal ansatzweise groß genug den Bedarf abzudecken. In der Region Thambani/Kalanga schaffen jedes Jahr rund 300 Schüler die nötigen Aufnahmetests, um eine Secondary School zu besuchen.
Doch nun zurück zur Anreise. Wir kamen am frühen Abend in Kalanga auf der Baustelle an, wo wir bereits von unseren zukünftigen Kollegen und von Jakob, einem Freiwilligen aus dem vorherigen Bautrupp, erwartet wurden.
Grünhelme leben immer gemeinsam mit den Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten, d.h. dass uns in der Regel die Dorfgemeinschaft eine Unterkunft zur Verfügung stellt. Unser Haus lag inmitten der Häuser einer Großfamilie und war zwischen 25 und 30qm groß. Dieses Häuschen sollte nun für mindestens drei Monate unser Zuhause werden.
Am nächsten Morgen hatten wir dann unseren ersten Arbeitstag in Kalanga. Wir starteten gleich mit dem Abbund der Fachwerkbinder für das Dach des späteren Verwaltungsgebäudes der Schule. Severin und mir half das sehr, da wir uns hier gleich auf mehr als vertrautem Terrain bewegen konnten. Für Projektleiter Lennart ging es nach ein paar Tagen wieder zurück in die Heimat, sodass sich unser Trupp auf drei Mann verkleinerte und nach der Abreise Jakobs waren wir nur noch zu zweit.
Die ersten Tage in Malawi erlebte ich als sehr prägend, da mich die unglaubliche Armut der Menschen, sowie die himmelschreiende Ungerechtigkeit darüber, dass das Vermögen dieser Welt so ungerecht verteilt ist, unheimlich beschäftigte, bzw. es bis heute tut. Ich weiß, jetzt werdet ihr denken, das weiß man doch und war ihm das nicht bewusst? Doch! Es war mir bewusst, man wird ja auch auf den Einsatz vorbereitet, man bereitet sich selber vor und man bekommt über Film, Fernsehen und Social Media genügend Bilder. Und trotz allem hat mich die Erfahrung, die Armut mit eigenen Augen zu sehen, mehr beschäftigt, als ich mir das vorher vorstellen hätte können.
Ganz im Gegensatz dazu haben mich die sehr, sehr einfachen Lebensumstände quasi gar nicht belastet, wobei ich das auch darauf zurückführe, dass man von Beginn an komplett in die Baustellenorganisation und Baustellenleitung eingebunden und damit gedanklich quasi 24/7 beschäftigt war. Ich will damit sagen, ich kam, glaube ich, gar nicht dazu, mir Gedanken über meine Lebensumstände zu machen.
In Malawi hatten wir eine Baustelle von 30 Leuten zu organisieren und wer schonmal in Deutschland eine Baustelle mit nur drei, vier Mitarbeitenden zu koordinieren hatte, weiß wie anspruchsvoll das sein kann und da kommt in der Regel keine Sprachbarriere dazu.
Als der Alltag auf der Baustelle dann nach einigen Wochen zur Routine geworden war, waren es Wasser holen, jeden Tag das Gleiche zu Essen, am Eimer hinter dem Haus waschen, das Verrichten des Geschäfts in ein Loch im Boden sowie nächtlicher Spinnen-, Skorpions- und Kakerlakenbesuch auch.
Von Anfang an war uns wichtig, dass wir auch mit den Leuten aus Kalanga in Kontakt kamen und so besuchten wir immer mal wieder eine der örtlichen Bars, unternahmen Wanderungen mit unseren Baustellenjungs, kraxelten mit einem Imker durch die Bäume Kalangas und ernteten Honig.
Da ich, wie oben schon mal durchgeklungen ist, katholisch bin und dies auch praktiziere, habe ich mich irgendwann informiert, ob es die Möglichkeit gäbe, einen Gottesdienst zu besuchen. Über den Gottesdienstbesuch lernte ich Samuel und Tadala kennen, zwei Jungs in meinem Alter, mit denen ich immer wieder etwas unternahm und viel schöne Erinnerungen teile. Mit Samuel war ich Motorradfahren. Mal fuhr er, mal ich. Mit Tadala, der sehr gut Englisch spricht, konnte ich sonntags stundenlang reden und Tee trinken. Mit Kelvin, dem Polizisten, waren wir einmal wandern, haben uns jämmerlich verfranzt und standen schlussendlich in einem großen Buffalo-Beans-Bestand am Fuße eines Hügels. Für diejenigen unter euch, die mit der ostafrikanischen Flora und Fauna noch nicht ganz so vertraut sind: Buffalo Beans sehen ein bisschen aus wie Nandolo, jene Bohnen, die überall in Malawi angebaut werden. Einziger Unterschied: Buffalo Beans sind haarig und genau jene Härchen jucken wie der Teufel. Ihr könnt euch also bestimmt vorstellen, was dann los war… Richtig, uns hat es am ganzen Körper gejuckt. Ich weiß nicht, wer von euch als Kind schon einmal in einen Glaswollehaufen gesprungen ist, das ist nichts gegen das Bufallo Beans Zeug! Hinzu kommt die verstärkende Wirkung von Schweiß bzw. Wasser auf den Juckreiz. Kurz gesagt: Wir müssen ein unheimlich lustiges Bild abgegeben haben, als wir uns am ganzen Körper kratzend nach Hause gerannt sind.
Doch nun zurück zum Baustellenalltag. Ein Tag in Kalanga bzw. im malawischen Busch richtet sich in Ermangelung einer stabilen Stromversorgung komplett nach dem Tageslicht. Das bedeutet, dass der Tag um kurz vor sechs Uhr morgens beginnt und abends um kurz nach sechs endet.
Auf der Baustelle starteten wir morgens um sieben Uhr. Wir arbeiteten bis 17 Uhr, unterbrochen von einer halbstündigen Frühstückspause um neun Uhr und einer Mittagspause von 12-13 Uhr. Zur Frühstückspause gab es Tee mit Zucker und es kam eine Frau aus dem Dorf, welche kleine Weckle (im Hochdeutschen: Brötchen) an das Team verkaufte. Das Mittagessen bekamen die Mitarbeiter dann von uns Grünhelmen.
Dafür hatten wir zwei Köchinnen angestellt, die uns jeden Tag bekochten. Das malawische Standardgericht ist Nsima. Hierbei handelt es sich um einen Maismehlbrei, der zu relativ fester Konsistenz gekocht wird. Bei uns auf der Baustelle gab es dazu im Wechsel Nandolo, das sind Strauchbohnen, die ein bisschen wie Erbsen oder rote Bohnen aussehen. Diese Mahlzeit wurde noch mit Sojaschrot und am Wochenende mit Zwiebeln verfeinert.
Den hohen Stellenwert, den Nsima in Malawi hat, kann man an folgender Redensart festmachen: „Wenn du kein Nsima gegessen hast, hast du nichts gegessen.“ Auch die Konsistenz des Nsima ist ein wichtiger Punkt. So drehten sich die meisten Beschwerden der Baustellenmitarbeiter bei unserer abendlichen Feedbackrunde darum, dass das Nsima zu flüssig war. Geschmacklich lässt sich zu Nsima gar nicht viel sagen. Es schmeckt eigentlich nach der Beilage, da es keinen wirklichen Eigengeschmack hat.
Durch das große Team konnten wir an mehreren Ecken der Baustelle parallel arbeiten und weiterhin täglich eine große Menge an SSB-Blöcken produzieren. SSB steht für Soil Stabilized Blocks. Für diese Steine wird Lehmboden mit Sand und Zement vermischt, damit stabilisiert und anschließend in einer Presse von Hand zu quaderförmigen Mauersteinen verpresst. Auf der Grünhelme-Homepage findet ihr dazu einen sehr interessanten Bericht (Bauen mit Soil Stabilized Blocks).
Die Häuser stehen auf Streifenfundamenten aus Naturstein und sobald wir etwas aus dem Boden draußen sind, geht es weiter mit den SSBs. Alle Gebäude sind einstöckig und abschließend wird ein Ringanker auf das Mauerwerk betoniert, bevor dann die Dachkonstruktion aufgerichtet wird.
Nach drei Monaten hatten wir das Dach des Verwaltungsgebäudes fertiggestellt, den Innenausbau der vier großen Unterrichts- und Verwaltungsgebäude abgeschlossen sowie drei Lehrerhäuser bis Ringankerhöhe gemauert.
Während es für Severin aufgrund beruflicher Pflichten nach drei Monaten zurück in die Heimat ging, verlängerte ich meinen Einsatz um zwei Monate bis Anfang November. Da für September keine weiteren Freiwilligen ins Projekt kamen, reiste unser Projektleiter Lennart für einen Monat nach Malawi.
Lennart ist im selben Alter wie ich und auch sonst sind wir in vielen Punkten auf einer Wellenlänge und verstanden uns dementsprechend gut, sodass der September rasend schnell verging. Während uns die Wasserversorgung der Baustelle vor allem im August große Probleme bereitete, bekamen wir dieses Problem im Laufe des Septembers mit Hilfe von TA Govati in den Griff. TA steht hier für Traditional Authority und bezeichnet lokale ländliche Gebiete, die von traditionellen Autoritäten verwaltet werden. Der für unsere Region zuständige TA hieß Govati. Als Lennart gegen Ende September abreiste, war die Wasserversorgung vorerst wieder gesichert. Für mich waren die Monate September und Oktober die mit den prägendsten und tiefsten Einblicken in das Dorfleben von Kalanga. Ich hatte auch das Gefühl, dass ich zum Ende hin fast richtig dazugehörte, als akzeptierter Teil des Dorfes.
So wurden wir zu Beginn unseres Einsatzes oft mit Boss oder Sir gerufen bzw. angesprochen, was mir persönlich immer sehr unangenehm war. Gegen Ende des Einsatzes riefen mich die Dorfbewohner ganz selbstverständlich bei meinem Vornamen Marco. Einige der Jungs, mit denen ich engeren Kontakt hatte, nannten mich Brother. Besonders in Erinnerung blieb mir, als ich morgens vor unserem Haus saß und eine unserer Nachbarinnen kam, mir ihr kleines Kind in den Arm drückte und davonlief. So saß ich da mit der Kleinen auf dem Schoß bis die Mutter nach einer halben Stunde wiederkam, „Zikomo“ (Danke) sagte und die Kleine wieder zu sich nahm.
Da die Häuser sehr klein sind, spielt sich ein nicht unwesentlicher Teil des Lebens draußen vor der Hütte ab und gerade für die Nachbarskinder waren wir eine echte Attraktion. Abends stellten wir des Öfteren unsere Musikbox vor die Hütte und machten Party mit den Kleinen. Diese Augenblicke retteten so manchen auch frustrierenden Tag, die es, das muss man ganz ehrlich sagen, auch gab. In einem Baustellentrupp von knapp 30 Leuten hat man, wie bei uns in Deutschland auch, einfach motivierte Jungs und weniger motivierte. Und so gab es immer mal wieder Tage die einen frustrierten, weil einige Arbeiten nicht mit der nötigen Sorgfalt ausgeführt wurden oder Arbeiten bewusst verzögert wurden, damit es nicht zu anstrengend wurde.
Da die Arbeiter auf der Baustelle ja auch von den Spendengeldern bezahlt werden, mussten wir natürlich schauen, dass die Arbeiten zügig erledigt wurden bzw. erledigt werden, damit von den zur Verfügung stehenden Geldern so viel wie möglich gebaut werden kann. Hier versuchten wir immer einen guten Mittelweg zu finden, zwischen gutem Arbeitsfortschritt und guten Bedingungen.
Es geht schließlich IMMER um die Menschen und uns ging es auch darum, dass wir unser Wissen an die Arbeiter vermitteln konnten, damit der Effekt unserer Zeit in Kalanga ein größerer ist als nur eine fertige Schule.
Einige der jungen Arbeiter, um hier einmal Kalypsa und Mikana zu nennen, waren bei meiner Abreise auf dem besten Wege, sich zu Spezialisten für das Mauern und Betonieren zu entwickeln. Mit Frank und Daniel waren zwei der Männer unheimlich interessiert an Holzarbeiten aller Art.
Diese vier Baustellenjungs hatte ich ganz besonders in mein Herz geschlossen und als dann Anfang November die Zeit des Abschieds kam, war ich doch sehr wehmütig, da dieses kleine Dorf mit seinen herzlichen Bewohnern ein bisschen zur zweiten Heimat geworden ist. Auch das Wissen darum, dass man sich wahrscheinlich nicht mehr begegnen wird, machte den Abschied bei aller Vorfreude auf daheim doch sehr, sehr schwer.
Vor meinem letzten Arbeitstag hatte ich eine Ziege gekauft, welche wir am letzten Tag auf der Baustelle schlachteten und die das sonst doch sehr eintönige Essen aufpeppte. Ich wollte den Jungs damit an meinem letzten Tag nochmal meine Wertschätzung ausdrücken und hoffe, dass mir das auch gelungen ist.
Bleiben werden Erinnerung an eine unvergessliche Zeit und an viele tolle Menschen, die ich kennenlernen durfte. Was sich ebenfalls verändert hat, ist mein Blick auf unsere Gesellschaft und darauf, wie wir mit unserem Wohlstand umgehen. Die Zeit in Malawi hat mir wieder gezeigt, dass Geben immer besser ist als Nehmen und dass es unheimlich erfüllend ist, sich für Andere, im Speziellen diejenigen die nicht Freiheit, Frieden und Wohlstand aufwachsen durften, einzusetzen.
Es gibt noch viel Arbeit – gehen wir es an! Mit Mut, Zuversicht und ein bisschen Gottvertrauen.

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